THOR.N — Geniestreich und Spiegel der Gesellschaft

THOR.N ist ein kleines aber feines spielerisches Erlebnis, das auf eine geniale Art und Weise unseren derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen einen Spiegel vorhält. 

THOR.N — Glückwunsch, du bist jetzt ein Bürger!

Zuerst war ich etwas skeptisch, als ich gesehen hab, dass im Rahmen des Humble Bundle Originals THOR.N beworben wurde. Es sollte sich dabei um einen First-Person-Job-Simulator handeln. Meine Skepsis hat mich dann dazu gebracht, das Spiel sofort einmal zu installieren und zu starten. Wie sich herausstellen sollte, steckte viel mehr hinter diesem Projekt als nur ein weiterer ungewöhnlicher Simulator.

Ich erwache in meinem Bett und es ertönt eine Stimme. Mein Guardian — eine künstliche Intelligenz — spricht zu mir und beglückwünscht mich zu meinem 18. Geburtstag. Endlich sei ich soweit, ein echter Bürger zu werden. Mein Geschenk hole ich mir, in Form einiger Credits, an meinem Computer ab. Schnell bekomme ich heraus, dass ich 18 Jahre in einem Raum eingesperrt war. Mit 18 bekomme ich nun den Status eines Bürgers und darf den Raum verlassen. Ich bekomme erklärt, dass es meine Aufgabe als Bürger sei, durch Arbeit Citizen-Points zu sammeln. Also gehe ich an eine der Arbeitsstationen im nächsten Raum und schalte diese mit meinen erworbenen Credits frei.

Freiwillige Eintönigkeit

Dann geht es also an die Arbeit. Die Stimme des Guardian erzählt mir, dass sie Stolz auf mich sei, sie kenne mich ja noch als ich ganz klein war und nun verdiene ich meine ersten Punkte. Auf einem Bildschirm läuft eine Bestenliste, auf der die Höchstpunktzahlen der „besten“ Bürger zu sehen sind. Also gehe ich an die Arbeit. Meine erste Aufgabe ist es, Hemden herzustellen. Alles was ich dazu tue, ist in der richtigen Reihenfolge 3 Knöpfe zu betätigen. Mit dem verdienten Geld kann ich Upgrades kaufen, die die Produktion beschleunigen und schließlich kann ich die Produktion sogar automatisieren.

Die Hemdenproduktion läuft also ohne mein zutun weiter und ich kassieren Geld. Also ab zur nächsten Station. Auch drücke ich nur 3 Knöpfe, allerdings werden diesmal Rationen hergestellt. An der letzten Station schließlich, ist meine Aufgabe Artilleriemunition herzustellen. Meine Punktzahl wächst exponentiell, denn mit dem Geld, das ich bekomme, kann ich natürlich in weitere Upgrades investieren und somit noch schneller Geld verdienen. Kapitalismus in a nutshell.

Spätestens an der letzten Station wird man natürlich stutzig. Artilleriemunition? Wozu wird die de

THOR.N

nn benötigt? Aber wer sich seine Umgebung genau ansieht, bemerkt weitere ungewöhnliche Dinge. Unter der Bestenliste läuft eine Laufschrift, die aktuelle Nachrichten mitteilt. Dazu gehören auch Meldungen über Truppenbewegungen eines Krieges.

Hamster im Hamsterrad

Auch die K.I. gibt ab und zu merkwürdige Meldungen von sich. Ein Bürger, der nur mit seiner Nummer benannt wird, hat seine Bürgerpflichten nicht erfüllt. Extermination wird eingeleitet. Uff, das klingt aber nicht so gut. Letztlich bewirkt das Punktesystem, dass man die von einem verlangten Aufgaben so schnell wie möglich erfüllen möchte, denn ab Level 15 darf man in den nächsten Raum. Und was erwartet einen wohl dort?

THOR.N

Ohne zu Spoilern kann ich nur sagen, dass sobald man den nächsten Raum betritt, das Spiel unerwartet zu Ende ist und die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden sind. THOR.N geht es natürlich nicht hauptsächlich um die Spielmechaniken. Die sind so simpel, dass es eigentlich schon langweilig wäre,  wenn man nicht unbedingt wissen wöllte, was es denn mit dem Ganzen auf sich hat.

THOR.N hält aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen einen Spiegel vor. In China hat ja vor Kurzem erst bekannt gegeben, ein Punktesystem für die chinesischen Bürger einzuführen. Das Arbeiten an den Maschinen ist so entpersonalisiert und abstrakt, dass einem nur nach weiterem Nachdenken auffällt, was man da eigentlich gerade tut. Aber man läuft trotzdem fleißig weiter im Hamsterrad, um mehr virtuelle Punkte zu ergattern und einen Ziel hinterherzujagen, dass eigentlich keinerlei Bedeutung hat. THOR.N zeigt, dass Spiele durchaus mehr als nur einen Unterhaltungswert haben können. Es war eines der interessantesten Spielerlebnisse, die ich je hatte. Gerade weil das Spiel mehr mit mir gespielt hat, als ich mit ihm.

Ich kann die halbe Stunde, die das Spiel insgesamt vielleicht in Anspruch nimmt nur empfehlen. Meiner Meinung nach ein echter Geniestreich.

Was glaubt ihr? Sollten Spiele einfach nur unterhalten oder sollten sie auch Funktionen erfüllen, die sonst eher die Kunst oder die Literatur übernommen haben? Schreibt eure Meinung in die Kommentare!



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